GRACOMA

Der Forstwart mit seiner Baumschule

Ragpa lebt mit seiner jungen Familie im abgelegenen Dorf Magunguli am Rande des Udizungwa  Nationalparks, wo fast jede Familie auf eigenem Land auch eigene Pinus und Eukalyptus anpflanzt. Ragpa hat 2018 mit Darlehen der farip eine Baumschule gestartet, wo er nicht nur Pinus und Eukalypten zieht, sondern auch einheimische Bäume wie den Mikusu unter die Leute bringen will. Jetzt untersucht er auch im Auftrag von GRACOMA Privatwälder in der Umgebung auf ihre Tauglichkeit, als Sicherheit für Kredite zu dienen.

Geschichte und Stand des Vorhabens
Die Geschichte ist sehr komplex und noch lange nicht abgeschlossen. Die Baumschule macht zwar für sich alleine schon viel Sinn, aber man muss das Vorhaben im Rahmen der Ideen um “GRACOMA” sehen. GRACOMA ist eine Idee, die in einer losen Gruppe von 60 Bauernfamilien, die “Mgololo Tree Planter Association”, seit Jahren erkunden.

Der Erkundungsprozess wurde um 2013 mit der an sich einfachen und durchschlagenden Idee ausgelöst, eigene wachsende Bäume als Sicherheiten für Kredite anbieten zu können. Dass in gepflanzten Bäumen ein riesiges wirtschaftliches wie auch ökologisches Potential liegt war schnell mal klar. Aber wie genau umsetzen?

Zentrales Erfordernis ist dabei, dass sie den Kreditgebern, die wachsende Bäume als Sicherheit akzeptieren, über viele Jahre hinweg nachweisen können, dass die Bäume immer noch vorhanden sind, gehegt werden, und die Eignerschaft nach wie vor die gleiche ist. Die Bauern haben bald erkannt, dass dafür eine von ihnen unabhängige Firma im Auftrag der Kreditgeber die Aufsicht, Monitoring und Kontrolle der Waldparzellen machen müsste. Daraus entstand dann die Idee, eine Firma “Growing Assets Collateral Management” (GRACOMA) ins Auge zu fassen. Diese würde lokale Leute aus dem Dorf ausbilden und beauftragen, die Kontrollen von eigens dafür registrierten Waldparzellen zu vorzunehmen, wie auch die Bauern zu befähigen, aus ihren Wäldern nachhaltig das beste zu machen. Solche Forstwarte bezeichneten sie dann als “Watunza Misitu” (Einzahl Mtunza misitu).

Soweit so gut, aber wie kommt dann GRACOMA zu einem Einkommen? Antwort: Weil die Bauern kein Cash verfügbar haben, würden sie pro Hektare registrierten Wald jedes Jahr eine Anzahl Bäume GRACOMA verschreiben, welche dann bei der Ernte der Bäume in einigen Jahren das Geld der GRACOMA plus Profit verdienen. Aber das geht ja bis zu 20 Jarhen bis GRACOMA überhaupt an Geld kommt… – eben, darum müsste auch GRACOMA selbst langfristige Kredite bekommen, die ihrerseits ebenfalls mit den überschriebenen Bäumen gedeckt wären usw. usw.  Es wird kompliziert.

Und welche Finanzinstitution ist dann tatsächlich bereit, auf derart langfristige – aber interessanterweise im Wert rasant wachsende – Sicherheiten kurzfristige Produktionskredite zu geben? Zum Beispiel für Vehikel, Pumpen, Saatgut, Mühlen, Bewässerungsanlagen, Kühe, Fruchtpflanzen, Metallsilos, usw?

farip ist hier stark gefordert, den Gedankengängen und Überlegungen der Baumpflanzer von Mgololo zu folgen. Auf unsere Frage, wie sie es einfacher machen könnten, antwortete der inzwischen verstorbene alte Kandidussi: “Wenn es einfach ist, kann es nicht funtkionieren. Es ist kompliziert, es muss vieles ineinander greifen”. Eine wichtige Lehre auch für farip. Das ganze umfassende GRACOMA-Experiment ist immer noch nicht im Detail durchdacht. Es zeigt sich, dass man mit konkreten kleinen Umsetzungen besser vorwärts kommt.

Fazit: Um den Leuten zu helfen, erste Experimente auszuprobieren, hat sich farip zur Verfügung gestellt ,vorübergehend eine “GRACOMA”-Firma zu simulieren und das Risiko dafür zu tragen. Dies erlaubte dann Ragpa, seine Baumschule zu lancieren und als erster regelmässig bezahlter Mtunza Misitu mit der Registrierung von Wäldern zu experimentieren. Dabei fängt er bei seinen eigenen Waldparzellen an, um sein farip-Darlehen zu sichern. Auch haben weitere Initianten angeboten, zukünftige Darlehen der farip für ihre eigenen Vorhaben mit wachsenden Bäumen zu sichern. Das konkreteste Beispiel: “Frachtransport nach Fahrplan”. So entsteht ein interessantes, weil hochkomplexes Experimentierumfeld, wo verschiedene Ideen auszuprobiert werden.

Gegenwärtige Herausforderungen
Die Grundidee der Bauern in der Mgololo-Gegend ist bestechend! Aus der Sicht der farip ist dies ein hochinteressantes Umfeld, weil es mögliche Hebelwirkungen für die Finanzierung vieler Vorhaben im ländlichen Raum hat. Und vor allem erlaubt es auch armen Leuten, ihre Arbeitskraft und Aufmerksamkeit für die Natur (Waldbrandschutz) als eigene Ressource einzusetzen, um an dringend notwendiges Kapital für ihre Investitionen zu kommen. Sie können gut beaufsichtigte wachsende Bäume als echte Werte in die Waagschale werfen und so aus der Falle der Hilfsempfänger herausspringen, echte Geschäftspartner werden. Es scheint, dass dies der Haupttreiber hinter dem Vorhaben ist.
Aber eben: Die detaillierte Ausarbeitung und Testen der konkreten Mechanismen dafür ist komplex und braucht viel Zeit.

Der entscheidende Engpass ist im Moment, dass Bauernfamilien noch keinen Sinn sehen, eine Waldparzelle von GRACOMA registrieren zu lassen, ohne dass sie dafür innert kurzer Zeit ein taugliches Darlehen bekommen. Mit Ragpa ist die Machbarkeit hingegen schon vordemonstriert: Er hatte von farip das Darlehen für sein neues Arbeitsmotorrad aufgrund der Sicherheit seiner eigenen Waldparzellen bekommen. Wie können nun diese Baumpflanzer von Mgololo Kreditinstitute von der Tauglichkeit dieses langfristigen Modells überzeugen? Und wie kann das Hauptproblem der Kreditinstitute, nämlich die untragbar hohen Transaktionskosten für kleine Kredite in diesen abgelegenen Gebieten gelöst werden? farip sucht auch hier wieder die Situation, mit ihren eigenen Darlehen ein Kreditinstitut zu simulieren. So bekommen die Leute die Chance zu zeigen, dass es funktioniert, oder zumindest die Fehler machen zu können, bis klar wird wie es funktionieren kann.

Und wie geht es weiter mit Ragpa und seiner Baumschule? Da kann rasch gehandelt werden. Er braucht in erster Linie Produktionsaufträge für die Baumschule. farip als GRACOMA hat eine Absatzgarantie für Setzlinge von einheimischen Bäumen übernommen, damit die Baumschule erst mal richtig in Produktion kommt.

9. Dezember 2019