GRACOMA

Innovative Waldwirtschaft: Waldparzellen zur Absicherung von Krediten

Magunguli, 2022-05-11. Ragpa Tweve und seine Frau Christina sind Bauern im südlichen Hochland von Tansania. Wie fast alle Familien haben sie auf minderwertigen Böden Bäume gepflanzt. Mit dem Stammholz können sie gutes Geld verdienen, müssen dafür aber 15-20 Jahre warten. Schon lange hegten sie die Idee, ihren wachsenden Baumbestand bis zum Holzschlag als Sicherheit für Kredite anzubieten. Mit dem Baumbestand könnten Familien mit wenig Liquidität reale Kreditsicherheiten für ihre eigenen Entwicklungsvorhaben schaffen. Jeder Kreditgeber will aber sicher sein, dass die Bäume  über die ganze Laufzeit geschützt sind. Die Vereinigung der Baumpflanzer in Magunguli hat deshalb eine Organisation aufgebaut: GRACOMA «Growing Assets Collateral Management». Sie beobachtet und dokumentiert die Bäume während ihres Wachstums und legt den Kreditgebern Zustandsberichte vor.

Anfang 2022 nahm farip Kontakt zum Ithaka-Institut im Wallis auf, um sich über das Boma-Vorhaben auszutauschen. Mit Ithaka gingen die Gespräche tiefer und tiefer. In der Zwischenzeit hat farip die Abläufe für eine CO2-Zertifizierung soweit klären können, dass sie Praxis-tauglich sind. Es zeigte sich insbesondere, dass die Waldparzellen mit ins Vorgehen eingebaut sein müssen, um den Wirkungsgrad der CO2-Deponie zu verbessern. Da kommt die Verbindung mit dem GRACOMA-Vorgehen gerade gelegen, Wälder zu vermessen und zu sichern.

Jetzt interessiert sich das Ithaka-Institut als CO2-Zertifizierer für solche Baumbestände in Tansania. Auch Ithaka verlangt strikte Dokumentation und Kontrolle. Mit kleinen, von farip unterstützten Pilotaktionen hat GRACOMA letztes Jahr erste Waldparzellen dokumentiert, registriert und Ragpa als teilamtlichen Forstwart engagiert. Christina kümmert sich um die Baumschule und ermöglicht anderen Bauernfamilien, auch mit dem lokalen Fruchtbaum Mikusu weitere Waldparzellen anzulegen. Dieses innovative Vorhaben wurde von Initianten vor Ort ausgedacht, konzipiert und ansatzweise umgesetzt. Jetzt geht es um die Professionalisierung: farip will im 2022 mit GRACOMA den ganzen Zertifizierungsprozess, das Vorgehen, die Kontrollen und das Berichtswesen weiterentwickeln, damit schlussendlich Kreditgeber und CO2-Zertifizierer die registrierten Waldparzellen als Sicherheit akzeptieren können.

Die Vorgeschichte
Magunguli, 2019-12-09. Ragpa lebt mit seiner jungen Familie im abgelegenen Dorf Magunguli am Rande des Udizungwa  Nationalparks, wo fast jede Familie auf eigenem Land auch eigene Pinus und Eukalyptus anpflanzt. Ragpa startete 2018 mit Darlehen der farip eine Baumschule, wo er nicht nur Pinus und Eukalypten zieht, sondern auch einheimische Bäume wie den Mikusu unter die Leute bringen will.

Die Geschichte ist sehr komplex und noch lange nicht abgeschlossen. Die Baumschule macht zwar für sich alleine schon viel Sinn, aber man muss das Vorhaben im Rahmen der Ideen um “GRACOMA” sehen. GRACOMA ist eine Idee, die in einer losen Gruppe von 60 Bauernfamilien, die “Mgololo Tree Planter Association”, seit Jahren erkunden.

Der Erkundungsprozess wurde um 2013 mit der an sich einfachen und durchschlagenden Idee ausgelöst, eigene wachsende Bäume als Sicherheiten für Kredite anbieten zu können. Dass in gepflanzten Bäumen ein riesiges wirtschaftliches wie auch ökologisches Potential liegt war schnell mal klar. Aber wie genau umsetzen?

Zentrales Erfordernis ist dabei, dass die Kreditgeber die wachsende Bäume als Sicherheit akzeptieren. Deshalb muss über viele Jahre hinweg nachgewiesen werden können, dass die Bäume immer noch vorhanden sind, gehegt werden, und die Eignerschaft nach wie vor die gleiche ist. Die Bauern haben bald erkannt, dass dafür eine von ihnen unabhängige Firma im Auftrag der Kreditgeber die Aufsicht, Monitoring und Kontrolle der Waldparzellen machen müsste. Daraus entstand dann die Idee, eine Firma “Growing Assets Collateral Management” (GRACOMA) zu gründen. Diese würde lokale Leute aus dem Dorf ausbilden und beauftragen, die Kontrollen der registrierten Waldparzellen zu vorzunehmen, wie auch die Bauern zu befähigen, aus ihren Wäldern nachhaltig das beste zu machen. Solche Forstwarte bezeichneten sie dann als “Watunza Misitu”.

Soweit so gut, aber wie kommt dann GRACOMA zu einem Einkommen? Antwort: Weil die Bauern kein Cash verfügbar haben, würden sie pro Hektare registrierten Wald jedes Jahr eine Anzahl Bäume GRACOMA verschreiben, welche dann bei der Ernte in einigen Jahren als Bargeld die Hand wechseln. Aber das geht ja bis zu 20 Jarhen bis GRACOMA überhaupt an Geld kommt… – eben, darum müsste auch GRACOMA selbst langfristige Kredite bekommen, die ihrerseits ebenfalls mit den überschriebenen Bäumen gedeckt wären usw. usw.  Es wird kompliziert!

Und welche Finanzinstitution ist dann tatsächlich bereit, auf derart langfristige – aber interessanterweise im Wert rasant wachsende – Sicherheiten kurzfristige Produktionskredite zu geben? Zum Beispiel für Vehikel, Pumpen, Saatgut, Mühlen, Bewässerungsanlagen, Kühe, Fruchtpflanzen, Metallsilos, usw.?

farip ist hier stark gefordert, den Gedankengängen und Überlegungen der Baumpflanzer von Mgololo zu folgen. Auf unsere Frage, wie sie es einfacher machen könnten, antwortete der inzwischen verstorbene alte Kandidussi Tweve: “Wenn es einfach ist, kann es nicht funktionieren. Es ist kompliziert, es vieles muss ineinander greifen”. Eine wichtige Lehre auch für farip. Das ganze umfassende GRACOMA-Experiment ist immer noch nicht im Detail durchdacht. Es zeigt sich, dass man mit konkreten kleinen Schritten besser vorwärts kommt.

Fazit: Um den Leuten zu helfen, erste Experimente auszuprobieren, hat sich farip zur Verfügung gestellt, vorübergehend die “GRACOMA”-Firma zu simulieren und das Risiko dafür zu tragen. Dies erlaubte dann Ragpa, seine Baumschule zu lancieren und als erster regelmässig bezahlter Mtunza Misitu mit der Registrierung von Wäldern zu experimentieren. Dabei fängt er bei seinen eigenen Waldparzellen an, um sein farip-Darlehen zu sichern. Auch haben weitere Initianten angeboten, zukünftige Darlehen der farip für ihre eigenen Vorhaben mit wachsenden Bäumen zu sichern. Das konkreteste Beispiel: “Frachtransport nach Fahrplan”. So entsteht ein interessantes, weil hochkomplexes Experimentierumfeld, wo verschiedene Ideen auszuprobiert werden.

Gegenwärtige Herausforderungen
Die Grundidee der Bauern in der Mgololo-Gegend ist bestechend! Aus der Sicht von farip ist dies ein hochinteressantes Umfeld, weil es mögliche Hebelwirkungen für die Finanzierung vieler Vorhaben im ländlichen Raum hat. Und vor allem erlaubt es auch armen Leuten, ihre Arbeitskraft und Aufmerksamkeit für die Natur (Waldbrandschutz) als eigene Ressource einzusetzen, um an dringend notwendiges Kapital für ihre Investitionen zu kommen. Sie können gut beaufsichtigte wachsende Bäume als echte Werte in die Waagschale werfen und so aus der Falle der Hilfsempfänger herauskommen und echte Geschäftspartner werden. Es scheint, dass dies der Haupttreiber hinter ihrem Vorhaben ist.

Der entscheidende Engpass ist im Moment, dass Bauernfamilien noch keinen Sinn sehen, eine Waldparzelle von GRACOMA registrieren zu lassen, ohne dass sie dafür innert kurzer Zeit ein taugliches Darlehen bekommen. Mit Ragpa ist die Machbarkeit hingegen schon vordemonstriert: Er hatte von farip das Darlehen für sein neues Arbeitsmotorrad aufgrund der Sicherheit seiner eigenen Waldparzellen bekommen. Wie können nun diese Baumpflanzer von Mgololo Kreditinstitute von der Tauglichkeit dieses langfristigen Modells überzeugt werden? Und wie kann das Hauptproblem der Kreditinstitute, nämlich die untragbar hohen Transaktionskosten für kleine Kredite in diesen abgelegenen Gebieten gelöst werden? farip sucht auch hier wieder die Situation, ein Kreditinstitut zu simulieren und Darlehen zu geben. So bekommen die Leute die Chance zu zeigen, dass es funktioniert, oder Fehler machen zu können, Schwachstellen zu finden, bis klar wird, wie es funktionieren kann.

Und wie geht es weiter mit Ragpa und seiner Baumschule? Da konnte farip rasch handeln. Ragpa braucht in erster Linie Produktionsaufträge für die Baumschule. farip als GRACOMA hat eine Absatzgarantie für Setzlinge von einheimischen Bäumen übernommen, damit die Baumschule erst mal richtig in Produktion kommt.

9. Dezember 2019